Lampenfieber und Auftrittsangst

Es ist frustrierend: Du hast viel geübt und geprobt und alles läuft wie am Schnürchen. Dann kommt der Auftritt und Du kannst nicht mal annähernd umsetzen, was Du dir vorher mühsam erarbeitet hattest. Der Grund: Lampenfieber bzw. Auftrittsangst.

Lampenfieber und Auftrittsangst Musiker

Lampenfieber ist ein Thema, das ausnahmslos jeden Musiker irgendwann mal beschäftigt – die meisten ihr ganzes Musikerleben lang. Leider wird oft der Unsinn verbreitet, es habe mit mit mangelhafter Vorbereitung, zu wenig Auftrittserfahrung oder gar Charakterschwäche zu tun. Hat es nicht! Und es ist nicht deine Schuld, wenn du darunter leidest!

Unter Lampenfieber wird meist Aufregung verstanden, die einen beflügelt und unter Auftrittsangst Aufregung, die einen lähmt. Manche sprechen auch von positivem und negativem Lampenfieber und die Grenze ist fliessend. In einem Blogartikel kann ich die Komplexität des Themas nicht in seiner ganzen Tiefe und gebotenen Differenziertheit beleuchten. Daher einige Impulse, die dir als Ideengeber dienen mögen, das Thema “Auftritt” einmal neu zu betrachten:

Weniger Auftrittsangst durch intelligentes Üben

Das normale Üben zu Hause und das Spielen beim Konzert sind in ihrem Wesen grundverschieden. Wer sich dieser wichtigen Unterscheidung nicht bewusst ist, wird auf der Bühne oft Probleme haben, das Geübte abzurufen.

Normalerweise beschäftigt man sich beim Üben mit Dingen wie Spieltechnik, also z.B. Artikulation, Körperfunktionen wie Atmung, man schafft sich ein Stück drauf, arbeitet an einzelnen Stellen, arbeitet an der Gestaltung usw. Alle diese Dinge sind unverzichtbar, denn schließlich sind sie Voraussetzung für gelingende Proben und Konzerte. Außerdem dienen sie der langfristigen Weiterentwicklung der eigenen Fertigkeiten auf der Trompete.

Wenn man sich ein Stück erarbeitet, ist es sehr sinnvoll und zielführend kurze Abschnitte, langsam, genau und mit vielen Wiederholungen zu üben. Durch diese Vorgehensweise prägt man sich viele gelungene Versionen ein – gut für die Abrufbarkeit später. Das Gegenteil wäre, das Stück irgendwie “durchzunudeln”, eine mißlungene Stelle noch achtmal zu probieren und wenn es beim neunten Mal dann endlich klappt, ist man zufrieden und glaubt, man beherrsche diese Stelle jetzt.

Weit gefehlt! Da man nicht “nicht üben” kann, hat man in einem Verhältnis von 8:1 misslungene Versionen trainiert. Du darfst drei Mal raten, wie hoch bei dieser Methode die Wahrscheinlichkeit ist, dass ausgerechnet die eine, zufällig (?) richtige Version dann im Konzert abgerufen wird.
Offensichtlich sehr gering. Daher ist die zuerst beschriebene gründliche Version der “Durchnudel-Version” vorzuziehen. Wer hier aber stehen bleibt, lässt viel Potenzial auf dem Tisch liegen…

Konzert Mindset

LampenfieberDas Konzert wird bei all diesen Dingen nämlich nicht oder nur viel zu wenig und viel zu spät bedacht. Auf der Bühne spielt man ja keine kleinen Abschnitte – langsam und bewusst – sondern spielt das Stück von links oben bis zum Schlußstrich durch und hat keine Gelegenheit eine Stelle hinterher noch einmal zu korrigieren. Deswegen ist die Herangehensweise hier eine völlig andere als beim Üben.

Während man also beim normalen Üben bewusst auf mögliche Fehler oder Ungenauigkeiten achtet und versucht, diese beim nächsten Mal zu korrigieren, seine Interpretation des Stückes nach und nach weiterentwickelt etc., funktioniert das beim Konzert nicht mehr. Hier muss der „Handlungsplan“ vorher glasklar sein, damit gleich beim ersten Mal die bestmögliche Version erklingt – denn schließlich gibt es keinen zweiten Versuch.

Mache dir also diesen Unterschied in der Herangehensweise bewusst, und übe auch (!) das Durchspielen der Stücke, damit du dir das Mindset antrainierst, welches du für den Auftritt brauchst.

Auftritt-Simulation

Die einfachste Möglichkeit einen Auftritt zu simulieren ist, sich ein Publikums zu visualisieren. Dieses Visualisieren kann man sich erleichtern, indem man einige Stühle vor sich hin stellt – wie die Stuhlreihen im Konzertsaal. Aber auch schon das eingeschaltete Aufnahmegerät kann die konzerttypische Reaktionen im Körper hervorrufen. Erst recht, wenn Du die Aufnahme jemanden schickst… Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Achte dann darauf, wie sich deine Absicht beim Spielen plötzlich ändert, wenn dir die Stühle “zuhören”. Du wirst vielleicht merken, dass du auf einmal besonders gut spielen willst, richtig spielen willst, beeindrucken willst oder andersrum: beginnst zu kämpfen, dass du ja nicht abkackst. Solche Gedanken hast in der Regel nicht, wenn du normal übst.

Dann frage dich, ob es das ist, was du über das Konzert denkst bzw. denken willst. Gegebenenfalls kannst du diese unkonstruktiven Gedankenmuster dann durch konstruktivere ersetzen. Anstatt besonders gut spielen zu wollen, kannst du das Publikum einladen mit dir auf eine musikalische Reise zu gehen. Du bist der Reiseführer und zeigst dem Publikum all die schönen Plätze, Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten deiner Musik.

Viele Menschen haben bei einem Auftritt auch ein wenig dienliches Bild von einer “Front” zwischen Musiker und Publikum: hier die Musiker, da das (beurteilende) Publikum. Hier kann es helfen bewusst eine andere Sichtweise zu wählen, nämlich anstatt einer trennenden, eine verbindende. Zwischen Musikern und Publikum findet tatsächlich ein Energieaustausch statt und somit ist ein Konzert EIN System, in dem verschiedene Menschen eben verschiedene Rollen einnehmen.

Das Publikum

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Üben zu Hause oder den Proben im Ensemble, Orchester oder Band ist also, dass man nicht alleine ist, sondern ein Publikum anwesend ist. Man muss also den Raum der eigenen Wahrnehmung erweitern auf die gesamte Konzertsituation und das Publikum ganz bewusst mit einbeziehen. Auf diese gesteigerte Anforderung reagiert der Körper ganz automatisch mit einer Erhöhung des Energieniveaus, im positiven Sinne beflügelnd (Lampenfieber) im negativen Sinne hemmend (Auftrittsangst).

Wenn man sich schon beim Üben damit beschäftigt, sich in die Situation hineinversetzt, die Situation simuliert, kann man sich darauf einstellen, kann sich seiner Reaktionen darauf gewahr werden und konstruktive Strategien erarbeiten, damit umzugehen.

Denn die Erfahrung zeigt, dass das erhöhte Energieniveau kein Problem ist. Im Gegenteil es ist eine angemessene Reaktion, die wir als “Angst” fehlinterpretieren. Die Gehirnforschung hat gezeigt, dass positive Aufregung und Angst im Gehirn ein nahezu identisches Muster bilden (vgl. J. Ledoux).

Probleme mit diesem Aufgeregt-Sein, mit diesem erhöhten Energieniveau, entstehen oft durch die Versuche diese Reaktion zu verdrängen, unterbinden, abzumildern, auszublenden. Denn erstens binden diese Versuche Kapazitäten in Form von geistiger Aufmerksamkeit oder Konzentration und zweitens gehen Sie praktisch immer mit Muskelanspannungen einher. Diese(!) sind dann der Grund für spielerische Probleme.

Mit anderen Worten: Nicht die Aufregung ist das Problem, sondern die automatische, unkonstruktive Reaktion darauf.

Was denken die anderen?

AuftrittsangstPraktisch universell anzutreffen ist der Gedanke: „Was denken die anderen?”. Im Kern ist es unser Bedürfnis, uns an andere anzubinden. Als Menschen, als soziale Wesen, sind wir immer auch von anderen abhängig. Es entsteht dann ein Gefühl von “ausgeliefert sein”, dass die Gefahr beinhaltet, abgelehnt zu werden. Ein Fehler hat dann den Gedanken: “Was denken jetzt über mich?” zur Folge, was nahtlos übergeht in die biologisch in uns angelegte Angst vor Ablehnung. Diese ist, so sagen Psychologen, in ihrer Intensität mitunter mit Todesangst vergleichbar.

Auftrittsangst ist vor allem Angst vor der Meinung anderer über dich. Diese Meinung der Anderen sagt allerdings mehr über die Anderen aus als über dich. Genauer: über deren Bewertungskriterien. Du kannst somit auch nie kontrollieren, was Andere über dich denken. Klar hast du einen gewissen Einfluß darauf, aber 100%ig kontrollieren kannst du es nie!

Es ist eine gute Idee dich demnächst mal still hinzusetzen und das wirklich auf dich wirken zu lassen und in seiner ganzen Tragweite zu bedenken. Wenn du diese Einsicht tief einsinken lässt, kann dir das schon eine Menge Angst nehmen!

Es mag übrigens den einen oder anderen im Publikum geben, der innerlich nörgelt oder auch tatsächlich kritisiert. Die Realität ist aber: die überwältigende Mehrheit der Konzertbesucher ist den Musikern wohlgesonnen. Schliesslich geht man in ein Konzert um die Musik zu genießen, sich daran zu erfreuen und nicht um zu bewerten. Lade also ganz bewusst jene “normalen” Konzertbesucher in deine musikalische Welt ein. Sie sind es die du erreichen willst. Ihnen geht es übrigens um die Musik – und nicht um DICH.

Ein weiterer hilfreicher Gedanke ist, dass das Konzert ein gemeinsames Ereignis ist. Manche sprechen ja sogar von einer Front zwischen Musikern und Publikum. Diese existiert aber nur in deinem Kopf. In Wahrheit ist es EIN Raum, ihr atmet dieselbe Luft, ihr habt Teil an derselben Musik: du als Gebender, das Publikum als Empfangende. Es ist ein System und nicht zwei gegeneinander arbeitende Mannschaften.

Tipps für Lampenfieber

Finde gute Gründe

Als Erwachsene haben wir praktisch nie nur ein Gefühl, es gibt gleichzeitig immer auch andere (oft widersprechende) Gefühle oder Gedanken. Und gute Gründe, warum dir ein Auftritt wichtig ist, können einen balancierenden Effekt haben.

Man kann ein Konzert mit einer Rodelfahrt vergleichen. Erst muss man den Schlitten einen Hang hinaufziehen, damit man dann hinunterrodeln kann. Der Aufstieg ist gewissermassen der Preis, den du für die Abfahrt bezahlst. Beides gehört zusammen. Ähnlich symbolisiert bei einem Konzert die Überwindung der Angst den Aufstieg (den Preis) und das eigentliche Konzert die Abfahrt.

Daher lohnt es sich über die Gründe zu reflektieren: Warum willst du die Mühe des Aufstiegs auf dich nehmen? Warum willst du auftreten?

Dein Alter!

Da psychologische Ursachen übermäßigen Lampenfiebers oft in der Kindheit zu liegen scheinen, haben Musiker häufig das Gefühl bei einem Auftritt zu „schrumpfen“. Man fühlt sich dann kleiner, unterlegen, jünger – wie damals, als Kind.

Es ist simpel und doch erstaunlich wirkungsvoll: mache dir dein tatsächliches Alter klar!

17, 39, 62, wie alt du auch immer bist. Nimm deine volle Größe und dein wahres Alter ein und du wirst dich meist sofort souveräner fühlen!

Bewusstsein entwickeln

Es ist ausserordentlich nützlich zu unterscheiden zwischen

  • dem Körpergefühl (Zittern, pochender Herzschlag, Kribbeln usw.)
  • und den Gedanken, die einem während eines Auftrittes durch den Kopf gehen.

Und beiden gegenüber eine Beobachterposition einzunehmen. Du beobachtest dann z.B. erstaunt, wie deine Hände schwitzen, dein Mund trocken wird und deine Knie weich werden. Das sind häufige Symptome und keines – noch nicht einmal der trockene Mund – muss irgend einen negativen Einfluß auf die Qualität deines Spieles haben!

Wenn du den Mut aufbringen kannst diese Symptome sein zu lassen (im Sinne, dass sie da sein dürfen), verlieren sie oft ihren Schrecken und du kannst trotz des Lampenfiebers all das Umsetzen, was du dir vorgenommen hast: z.B. dem Publikum mit deiner Musik eine Freude zu bereiten.

Überprüfung

Nehmen wir an, ein Teil von dir glaubt, dass du abgelehnt werden wirst – von wem auch immer. Der nächste Schritt wäre dann zu überprüfen, ob das, was du da glaubst, tatsächlich wahr ist. Stelle dir also die ganz einfache Frage: ist das wahr? Kann ich absolut sicher sein, dass ich abgelehnt werde, wenn ich einen falschen Ton spiele?

Wenn du diese Frage ehrlich stellst, mag es sein, dass du es vielleicht noch für wahrscheinlich hältst, aber wirklich wissen(!) kannst du es nicht. Die Angst geht davon zwar nicht weg, sie erhält aber ein Gegengewicht, wird gemäßigt.

In diesem Schritt geht es also nicht darum, dir irgendetwas anderes einzureden, sondern diese einfache Frage weicht die automatische Verbindung zwischen “Bühne” und dem starren Glauben an dieses “Worst Case Szenario” auf – und du erhältst somit die Möglichkeit konstruktiver auf den Reiz “Bühne” zu reagieren.

Perspektive

Und dann kannst Du einmal gedanklich in die Zukunft zu reisen: wir schreiben das Jahr 2018. Stelle dir vor, das morgige Konzert liegt bereits ein Jahr zurück… Oder reise nach 2022 und blicke fünf Jahre zurück. Oder ins Jahr 2042 und versuche dich an das Konzert vor 25 Jahren zu erinnern. Welche Rolle hatte dieses Konzert vor 25 Jahren?
Durch diesen Wechsel der Perspektive wirkt ein bevorstehendes Konzert oft weniger bedrohlich und man kann wesentlich gelassener an die Sache herangehen.

Fazit

Es lohnt sich, die Konzepte einmal ganz bewusst zu durchdenken, die du mit Auftrittssituationen verbindest. Auch und gerade das Konzept, dass du entspannt oder neutral auf der Bühne zu sein hättest. Das ist nämlich nicht der Fall, wir wie wie ich weiter oben bereits sagte. Denn aufgeregt zu sein ist angemessen, weil sie dir die nötige Energie liefert, den Auftritt zu meistern.

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3 Antworten

  1. hallo Daniel,
    mir hat dein Artikel einige gute und neue Anregungen gegeben. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor Auftritten habe, aber die Anspannung mit dem doofen Bauchgefühl ist schon Tage vorher vorhanden. Die Auftrittssituation simuliere ich einfach mit Aufnahmen auf dem Handy, das reicht schon um “diesen einen Moment” zu schaffen. beim Üben wiederholt man eine Stelle einfach, wenns nicht so gut geklappt hat, im Konzert weiß man, dass das nicht geht. Das lässt sich mit Aufnahmen gut simulieren. Auch der Hinweis, es geht um die Musik und nicht um MICH ist ein neuer Aspekt, der mir persönlich viel hilft.
    Danke Daniel, mach weiter so und viele Grüße
    von der Hobby-Trompeterin ;)

    1. Vielen Dank, Sabine.

      In einem Workshop hat das mal ein Teilnehmer überspitzt gesagt “Wenn es tatsächlich um mich ginge, könnte ich die Trompete ja auch zu Hause lassen. Dann könnte ich mich einfach auf die Bühne stellen und die Leute würden mich angaffen…” ;-) – Nein! Es geht tatsächlich um die Musik und den gemeinsamen Event.

  2. Das mit dem Aufnahmegerät kenn ich auch. Es erzeugt bei mir fast noch mehr Anspannung als ein Konzert. Und auch unter den Konzerten git es Unterschiede. Solo auf einem Schützenfest spielen geht ohne jedes Lampenfieber, während eine Kirche das andere Extrem ist für mich. Wobei in der Regel bei mir mit jedem gepielten Ton die Freude am Musizieren über die Aufregung obsiegt.

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