Wie ich meinen Klang ruinierte

Eines Tages, während meines Studiums, geschah es, dass ich plötzlich und ohne Vorwarnung etwa eine Oktave höher spielen konnte als vorher…

© LucasFZ70- pixabay.com

Ich erinnere mich genau daran. Es war in Raum 306 des Konservatoriums an einem frühlingshaften Sonntagnachmittag. Ich hatte gerade mein Übepensum für diesen Tag erledigt und war sehr frustriert, wie so oft in jenen Tagen, weil einfach gar nichts vorwärtsgehen wollte. Also trötete ich noch einmal lustlos in die Trompete hinein und heraus kam ein dickes fettes g3.

Ich konnte es kaum glauben und versucht es noch einmal. Und noch mal. Und noch mal… Ich war begeistert, jubelte und hüpfte vor Freude im Zimmer herum. Wo vorher beim D3 eine unüberwindliche Grenze gewesen war, konnte ich jetzt problemlos ein C4 spielen. Wow! Es war also tatsächlich so, dass Fortschritt schubweise geschieht.

Die nächsten Tage spielte ich mit großem Vergnügen in der dreigestrichenen Oktave herum. Mein Lehrer verordnete mir zwar sehr nachdrücklich es nicht zu übertreiben, und höchstens 5 Minuten am Tag, Zitat: „Dinger rauszuhauen, dass die Wände wackeln.”, aber natürlich wusste ich es besser:

Ich übte meine Kraftübungen noch intensiver als vorher und vernachlässigte vieles andere. Und siehe da: die Höhe ging immer besser, sicherer, leichter, lauter… irgendwann kam sogar ein c5.

Dann ging’s bergab…

Ohne dass ich es bemerkte, wurde parallel mein Klang in “normaler” Lage aber immer schlechter: dünner, enger, quäkig. Hatte ich mich vor einigen Monaten noch über diesen Schub gefreut, erlebte ich nun einen Schub in eine negative Richtung. Plötzlich war der Klang im Eimer und es gab kein zurück mehr. Was ich auch probierte, es klang, man verzeihe mir das Wort: Scheisse!

Ich hatte es maßlos übertrieben, hatte viel zu lange nur auf hoch, laut, Kraft gesetzt. Nach dieser Einsicht dauerte es über ein Jahr, bis ich wieder einen brauchbaren Ton hatte. Und ein weiteres, bis man diesen wieder als ‘schön’ bezeichnen konnte.

Was ich daraus gelernt habe

Lange Zeit dachte ich, dass das nicht hätte sein müssen. Inzwischen erkenne ich darin aber eine Stärke: Dadurch, dass ich dieses Extrem so ausgelebt habe, weiß ich sehr gut, was zu tun ist, um auch extreme Höhe zu lernen. Und durch die intensive Auseinandersetzung mit der “Reparatur” des eigenen Klanges, weiß ich aus der Praxis, wie man eine gesunde Balance zwischen Kraft/Höhe und Geschicklichkeit/schönem Klang erreichen und beibehalten kann.

Ohne diese Erfahrung könnte ich mein Schülern heute nicht in der Weise helfen, wie ich es zu tun vermag.

8 Kommentare zu “Wie ich meinen Klang ruinierte

  1. Hallo Daniel, diese Angst vor dem schlechten Ton im unteren Bereich habe ich auch. Nach 5-10 x C3 komme ich kaum zu F2. Dann stelle ich die Hochübungen ein und bleibe tief. Wesentlich später probiere ich wieder bis C3, gelegentlich klappt es aber dann lasse ich es auch sein. Nach oben ist mühsam in kleinen Schritten!!

    • Hallo Tomo, wenn Du es nicht so übertreibst, wie ich, brauchst Du dir keine Sorgen machen bzgl. Klangqualität. ;-)

  2. Immer Zurückgehen-Können. Ohne Substanzverlust einer kernigen Tonbildung ist die Kunst.

  3. Willst du hoch? Spiel tief!

  4. Quasi Anlauf nehmen… Vom tief nach hoch. ;-) Weil die Zungenstellung für den tiefen Pedalton dem hohen Ton in etwa entspricht…

  5. Karl Hübben

    Ich denke es ist eher die Position der Lippen die, bei richtig gespielten Pedaltönen, eine Position einnehmen die sehr günstig für hohe Töne ist! Es könnte die eher offene Position sein die das unterstützt, leider kann ich es nicht erklären, aber erst nach dem Erlernen der Pedaltöne konnte ich mit Bindungen und dann auch gestossen auf gut klingende Töne einiges über dem C3 kommen. Das Gefühl mitnehmen ist das Thema, es wäre schön wenn es dafür eine Erklärung gäbe, wichtiger ist aber, dass es funktionirt!

    Karl

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