Was zeichnet einen guten Lehrer aus?

Warum die Sprüche “Wer’s kann, der spielt, wer’s nicht kann, unterrichtet.” und “Wer spielen kann, kann nicht unterrichten.” beide Halbwahrheiten sind.

Wer gut spielen kann hat – auf den ersten Blick überraschend – ein sehr großes Handicap, wenn er zu unterrichten beginnt. Er weiss nämlich oft nicht, warum er gut spielen kann, bzw. wie er es macht, dass er super spielen kann. Er weiss dann auch nicht, warum seine Schüler es nicht können und hat dann logischerweise auch keinerlei Mittel, seinen Schülern weiter zu helfen. Er kann es nur vormachen und darauf zu hoffen, dass sie es schaffen, ihn zu imitieren. Das funktioniert zwar manchmal, in den meisten Fällen scheitert das aber.

Und derjenige, der nicht als Solist geboren ist? Nun, ein menschlicher Hauptantrieb ist nach wie vor Frust. Frust, wenn etwas nicht funktioniert, wenn etwas nicht so ist, wie man es gerne hätte usw. Dann wird man aktiv und wenn es einem wichtig ist, entwickelt man auch das nötige Durchhaltevermögen, man bleibt am Thema dran. Und um dieses frustrierende Problem zu lösen, übt man, bildet sich weiter, experimentiert, tauscht sich aus – versteht das Problem in der Tiefe, probiert unterschiedliche Lösungsansätze und hat sich in Theorie und Praxis die Kompetenz erarbeitet, anderen als Lehrer von großem Nutzen zu sein.

Frust tritt irgendwann auch bei jenem oben zuerst skizzierten Lehrer auf, der schon immer alles einfach so konnte. Er ist frustriert, weil er merkt, dass seine Schüler nichts lernen. Es gibt genügend Beispiele solcher Lehrer, die ihren Frust dann an ihren Schülern auslassen. Und manche nutzen den Frust und eignen sich das nötige Wissen an und werden dann zusätzlich noch gute Lehrer.

Zwei persönliche Beispiele

Und jetzt kommt ein weiterer, überraschender Punkt: selbst wenn man bei sich selbst erfolglos ist, kann man ein hervorragender Lehrer (in diesem Gebiet) sein – nämlich aufgrund all dessen, was man gelernt und getan hat, um das Problem bei sich selbst zu lösen.

Ich hatte beispielsweise jahrelang heftiges Lampenfieber, das so weit ging, dass ich auf der Bühne stand und darum kämpfen musste, überhaupt einen Ton herauszubekommen.

Was habe ich nicht alles probiert! Sogar meine Diplomarbeit hatte Lampenfieber zum Thema!

Während ich an meiner Arbeit schrieb, hatte ich noch immer überdurchschnittlich starkes Lampenfieber. Und trotzdem konnte ich einen Streicherkollegen mit einem ähnlichen Problem so gut coachen, dass dieser bei einem Probespiel kaum mehr Lampenfieber hatte und die Orchesterstelle schließlich bekam.

Es ist also nicht notwendigerweise ein Kriterium, dass der Lehrer selbst perfekt können muss, was er unterrichtet! “Der Wegweiser steht selten an dem Ort, auf den er zeigt.” (unbekannt)

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Ein weiteres Beispiel sind hohe Töne auf der Trompete. Ich bin von Natur aus kein Überflieger in diesem Bereich gewesen, habe aber viel und hart gearbeitet und auf einmal ging es locker zum c4 und irgendwann sogar jenseits eines (zugegebenermaßen “piepsigen”) c5.

Ich habe aber auch festgestellt, dass meine Studienkollegen, die mit gleichem Einsatz, die selben Übungen absolvierten, zwar auch Fortschritte machten, aber viele lange nicht in dem Maße, wie es mir beschieden war. Heute, 10 Jahre später, glaube ich zu wissen, was der Unterschied war. Ich hatte nämlich eine bestimmte Fertigkeit aus einem ganz anderen Bereich (Alexander-Technik) trainiert, die mich schneller zum Ziel brachte, als andere. Und dieses Wissen gebe ich heute an meine Schüler weiter.

Das wäre also ein Beispiel für einen, der es selbst kann und sich auf das Unterrichten spezialisiert hat. Das Ergebnis für den Schüler – und darauf kommt es schliesslich an – ist in beiden Beispielen das selbe.

Fazit

Wie gut, wie viel und wo ein Lehrer spielt sagt also wenig bis gar nichts über seine Eignung als Lehrer aus. Ich kenne sogar einige Professoren, die seit Jahren/Jahrzehnten keine Trompete mehr angefasst haben – und fantastische Lehrer sind. Und ich kenne Solisten, die ich niemandem mit gutem Gewissen als Lehrer empfehlen könnte…

Woran merkt man also, ob man einen guten Lehrer hat? Zunächst einmal gibt es nicht DEN Lehrer, der für jeden der richtige ist, sondern es muss “passen”. Jeder Lehrer hat seine Schwerpunkte, Stärken und Schwächen. Je besser man weiß, was man lernen möchte, desto besser kann man auswählen. Wichtig ist,

  1. dass die Chemie stimmt, sonst wird man (unbewusst) Fortschritte sabotieren.
  2. Und nach angemessenem Zeitrahmen solle ein Fortschritt erkennbar sein.

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