So linderst Du Auftrittsangst

Es ist frustrierend: Du hast viel geübt und geprobt und auch alles läuft wie am Schnürchen. Dann kommt der Auftritt und Du kannst nicht mal annähernd umsetzen, was Du dir vorher mühsam erarbeitet hattest. Das muss nicht sein!

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Normalerweise beschäftigt man sich beim Üben mit Dingen wie Spieltechnik, also z.B. Artikulation, Körperfunktionen wie Atmung, man schafft sich ein Stück drauf, arbeitet an einzelnen Stellen, arbeitet an der Gestaltung usw.

Alle diese Dinge sind sehr wichtig und unverzichtbar, denn schließlich sind die Voraussetzung für gelingende Proben und Konzerte. Außerdem dienen sie der langfristigen Weiterentwicklung der eigenen Fertigkeiten auf der Trompete.

Eine wichtige Sache wird bei all diesen Dingen jedoch ausgelassen, oder nur viel zu wenig und viel zu spät bedacht. Es ist wohin all diese Bemühungen führen: das Konzert!

Vorbereitung des Auftritts

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Üben zu Hause oder den Proben im Ensemble, Orchester oder Band ist, dass man nicht alleine ist, sondern ein Publikum anwesend ist. Man spielt also nicht mehr alleine zu Hause oder mit anderen zusammen in der Probe, sondern verfolgt ein anderes Ziel, nämlich für das Publikum zu musizieren.

Man muss also den Raum der eigenen Wahrnehmung erweitern auf die gesamte Konzertsituation und das Publikum ganz bewusst mit einbeziehen. Auf diese gesteigerte Anforderung reagiert der Körper ganz automatisch mit einer Erhöhung des Energieniveaus, im positiven Sinne beflügelnd (Lampenfieber) im negativen Sinne hemmend (Auftrittsangst).

Wenn man sich schon beim Üben damit beschäftigt, sich in die Situation hineinversetzt, die Situation simuliert, kann man sich darauf einstellen, kann sich seiner Reaktionen darauf gewahr werden und konstruktive Strategien erarbeiten damit umzugehen.

Denn die Erfahrung zeigt, dass das erhöhte Energieniveau kein Problem ist. Im Gegenteil es ist eine angemessene Reaktion die wir fehlinterpretieren als “Angst”. Die Gehirnforschung hat gezeigt, dass positive Aufregung und Angst im Gehirn ein nahezu identisches Muster bilden (vgl. J. Ledoux).

Probleme mit diesem AufgeregtSein, mit diesem erhöhten Energieniveau, entstehen oft durch die Versuche diese Reaktion zu verdrängen, unterbinden, abzumildern, auszublenden. Denn erstens binden diese Versuche Kapazitäten in Form von geistiger Aufmerksamkeit oder Konzentration und zweitens gehen Sie praktisch immer einher mit Muskelanspannungen. Diese(!) sind dann der Grund für spielerische Probleme.

Mit anderen Worten: Nicht die Aufregung ist das Problem, sondern die automatische unkonstruktive Reaktion darauf.

Praxis-Tipps

Du und das Stofftier

Die einfachste Möglichkeit eine Auftrittssituation zu simulieren ist, sich ein Publikums zu visualisieren. Dieses Visualisieren kann man sich erleichtern, indem man einige Stühle vor sich hin stellt – wie die Stuhlreihen im Konzertsaal. Ich hatte aber auch schon einige Kuscheltiere im Unterricht dabei. Aber auch schon das eingeschaltete Aufnahmegerät kann die konzerttypische Reaktionen im Körper hervorrufen. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Achte dann darauf, wie sich deine Absicht beim Spielen plötzlich ändert, wenn dir die Stofftiere “zuhören”. Du wirst vielleicht merken, dass du auf einmal besonders gut spielen willst, richtig spielen willst, beeindrucken willst oder andersrum: beginnst zu kämpfen, dass du ja nicht abkackst. Solche Gedanken hast in der Regel nicht wenn du normal übst.

Dann frage dich, ob diese Gedanken konstruktiv sind, ob es das ist, was du über das Konzert denkst bzw. denken willst. Gegebenenfalls kannst du diese unkonstruktiven Gedankenmuster dann durch konstruktivere ersetzen. Anstatt besonders gut spielen zu wollen, kannst du das Publikum einladen mit dir auf eine musikalische Reise zu gehen. Du bist der Reiseführer und zeigst dem Publikum all die schönen Plätze, Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten deiner Musik.

Die anderen…

Praktisch universell ist der Gedanke: „Was denken die anderen?”. Im Kern ist es unser Bedürfnis, uns an andere anzubinden. Als Menschen, als soziale Wesen, sind wir immer auch von anderen abhängig. Es entsteht dann ein Gefühl von “ausgeliefert sein”, dass die Gefahr beinhaltet, abgelehnt zu werden. Ein Fehler hat dann den Gedanken: “Was denken jetzt über mich?” zur Folge, was nahtlos übergeht in die biologisch in uns angelegte Angst vor Ablehnung. Diese ist, so sagen Psychologen, in ihrer Intensität mit Todesangst vergleichbar.

Und es stimmt. Es mag tatsächlich einige im Publikum geben, die innerlich nörgeln oder auch tatsächlich kritisieren. Die Realität ist aber: die überwältigende Mehrheit der Konzertbesucher ist den Musikern wohlgesonnen. Schliesslich geht man in ein Konzert um die Musik zu genießen, sich daran zu erfreuen und nicht um zu bewerten. Lade also ganz bewusst jene “normalen” Konzertbesucher in deine musikalische Welt ein. Sie sind es die du erreichen willst. Ihnen geht es übrigens um die Musik – und nicht um DICH.

Ein weiterer hilfreicher Gedanke ist, dass das Konzert ein gemeinsames Ereignis ist. Manche sprechen ja sogar von einer Front zwischen Musikern und Publikum. Diese existiert aber nur in deinem Kopf.

In Wahrheit ist es EIN Raum, ihr atmet dieselbe Luft, ihr habt Teil an derselben Musik: du als Gebender, das Publikum als Empfangende. Es ist ein System und nicht zwei gegeneinander arbeitende Mannschaften.

Fazit

Es lohnt sich, die Konzepte einmal ganz bewusst zu durchdenken, die du mit Auftrittssituationen verbindest. Auch und gerade das Konzept, dass du entspannt oder neutral auf der Bühne zu sein hättest. Das ist nämlich nicht der Fall, wir wie wie ich weiter oben bereits sagte. Denn aufgeregt zu sein ist angemessen, weil sie dir die nötige Energie liefert, den Auftritt zu meistern.

5 Kommentare zu “So linderst Du Auftrittsangst

  1. Frauke Willer

    Das mit dem Aufnahmegerät kenn ich auch. Es erzeugt bei mir fast noch mehr Anspannung als ein Konzert. Und auch unter den Konzerten git es Unterschiede. Solo auf einem Schützenfest spielen geht ohne jedes Lampenfieber, während eine Kirche das andere Extrem ist für mich. Wobei in der Regel bei mir mit jedem gepielten Ton die Freude am Musizieren über die Aufregung obsiegt.

  2. hallo Daniel,
    mir hat dein Artikel einige gute und neue Anregungen gegeben. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor Auftritten habe, aber die Anspannung mit dem doofen Bauchgefühl ist schon Tage vorher vorhanden. Die Auftrittssituation simuliere ich einfach mit Aufnahmen auf dem Handy, das reicht schon um “diesen einen Moment” zu schaffen. beim Üben wiederholt man eine Stelle einfach, wenns nicht so gut geklappt hat, im Konzert weiß man, dass das nicht geht. Das lässt sich mit Aufnahmen gut simulieren. Auch der Hinweis, es geht um die Musik und nicht um MICH ist ein neuer Aspekt, der mir persönlich viel hilft.
    Danke Daniel, mach weiter so und viele Grüße
    von der Hobby-Trompeterin ;)

    • Vielen Dank, Sabine.

      In einem Workshop hat das mal ein Teilnehmer überspitzt gesagt “Wenn es tatsächlich um mich ginge, könnte ich die Trompete ja auch zu Hause lassen. Dann könnte ich mich einfach auf die Bühne stellen und die Leute würden mich angaffen…” ;-) – Nein! Es geht tatsächlich um die Musik und den gemeinsamen Event.

  3. Christoph

    Wirklich gute Gedanken. Kann auch die dazu passende VideoPräsentation nur empfehlen.
    Leider bin ich nicht so schnell zu täuschen und deshalb fällt das Stofftierpublikum ausser Betracht.

    Christoph

  4. Ich hatte hier schon mal ausgeführt, dass eine gründliche Vorbereitung auf einen Auftritt zur Linderung der Auftrittsangs beitragen kann:

    https://trompete-spielen-lernen.de/5-ideen-zum-thema-lampenfieber/

    Zum Thema “Stofftiere”: Hilft wohl besser bei Kindern. Erwachsene sehen Plüschies doch mehr als “Gegenstände”…

    Aber ich habe ein Aufnahmegerät (Zoom H2n), das ist wirklich eine gute Sache. Damit lässt sich ein Auftritt gut simulieren! Und die Aufnahmequalität ist auch ganz aktzeptabel. Da lässt sich dann sogar etwas daraus machen!

    Gruß Reinhard

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