5 Ideen zum Thema Lampenfieber

Letzte Woche erzählte mir ein 17-jähriger Schüler, dass er bei einem Auftritt zittrige Hände und Knie hatte. “Sonst noch was?” fragte ich nach. “Na ja, ich habe schlecht Luft bekommen und ich habe geschwitzt…” Darauf ich: “Du hattest also Lampenfieber?!?” Er schaut mich fragend an. Ich: “Angst?” Er: “Nein, nur zittrige Hände und Knie, flache Atmung, schwitzende Hände… Aber Angst? Nein, Angst hatte ich nicht!” … ;-)

Das ist natürlich auch eine “Methode” – nicht mehr zu fühlen – die übrigens für Notfallchirurgen oder Skispringer geradezu Voraussetzung für diese Tätigkeit ist. Das Hirn blendet automatisch aus, was zu viel für uns wäre. Aber als Musiker braucht man nicht gefühlstaub zu sein, ganz im Gegenteil…

Lampenfieber?

Auftrittsangst ist ein Thema, das ausnahmslos jeden Musiker irgendwann mal beschäftigt – die meisten ihr ganzes Musikerleben lang. Leider wird oft der Unsinn verbreitet, es habe mit mit mangelhafter Vorbereitung, zu wenig Auftrittserfahrung oder gar Charakterschwäche zu tun. Hat es nicht! Und es ist nicht deine Schuld, wenn du darunter leidest!

In einem Blogartikel kann ich natürlich die Komplexität von Lampenfieber nicht in seiner ganzen Tiefe und gebotenen Differenziertheit beleuchten. Daher habe ich heute fünf kurze Impulse, die dir als Ideengeber dienen mögen, das Thema “Auftritt” einmal neu zu betrachten:

Lampenfieber-Tipps

© Jamrooferpix – fotolia.com

Was denken die Anderen?

DAS ist der wirkliche Grund für deine Angst. Lampenfieber ist Angst vor der Meinung anderer über dich. Diese Meinung der Anderen sagt allerdings mehr über die Anderen aus als über dich. Genauer: über deren Bewertungskriterien. Du kannst somit auch nie kontrollieren, was Andere über dich denken. Klar hast du einen gewissen Einfluß darauf, aber 100%ig kontrollieren kannst du es nie!

Es ist eine gute Idee dich demnächst mal still hinzusetzen und das wirklich auf dich wirken zu lassen und in seiner ganzen Tragweite zu bedenken. Wenn du diese Einsicht tief einsinken lässt, kann dir das schon eine Menge Angst nehmen!

Finde gute Gründe

Als Erwachsene haben wir praktisch nie nur EIN Gefühl, es gibt gleichzeitig immer auch andere (oft widersprechende) Gefühle oder Gedanken. Und gute Gründe, warum dir ein Auftritt wichtig ist, können einen balancierenden Effekt haben.

Man kann ein Konzert mit einer Rodelfahrt vergleichen. Erst muss man den Schlitten einen Hang hinaufziehen, damit man dann hinunterrodeln kann. Der Aufstieg ist gewissermassen der Preis, den du für die Abfahrt bezahlst. Beides gehört zusammen. Ähnlich symbolisiert bei einem Konzert die Überwindung der Angst den Aufstieg (den Preis) und das eigentliche Konzert die Abfahrt.

Daher lohnt es sich über die Gründe zu reflektieren: Warum willst du die Mühe des Aufstiegs auf dich nehmen? Warum willst du auftreten?

Andere Perspektive einnehmen

Viele Menschen haben bei einem Auftritt ein wenig dienliches Bild von einer “Front” zwischen Musiker und Publikum: hier die Musiker, da das (beurteilende) Publikum. Hier kann es helfen bewusst eine andere Sichtweise zu wählen, nämlich anstatt einer trennenden, eine verbindende:

Du machst dem Publikum mit deiner Musik eine Freude, überbringst ein Geschenk. DAS ist es nämlich, warum Konzerte im allgemeinen veranstaltet werden, stimmt’s? Auch Du gehst schliesslich zu Konzerten um dich an der Musik zu erfreuen und nicht um auf einen Fehler zu lauern. ;-)

Zwischen Musikern und Publikum findet so eine Art Energieaustausch statt, somit ist ein Konzert EIN System, in dem verschiedene Menschen eben verschiedene Rollen einnehmen.

Bewusstsein entwickeln

Es ist ausserordentlich nützlich zu unterscheiden zwischen

  • dem Körpergefühl (Zittern, pochender Herzschlag, Kribbeln usw.)
  • und den Gedanken, die einem während eines Auftrittes durch den Kopf gehen.

Und beiden gegenüber eine Beobachterposition einzunehmen. Du beobachtest dann z.B. erstaunt, wie deine Hände schwitzen, dein Mund trocken wird und deine Knie weich werden. Das sind häufige Symptome und keines – noch nicht einmal der trockene Mund – muss irgend einen negativen Einfluß auf die Qualität deines Spieles haben!

Wenn du den Mut aufbringen kannst diese Symptome sein zu lassen (im Sinne, dass sie da sein dürfen), verlieren sie oft ihren Schrecken und du kannst trotz des Lampenfiebers all das Umsetzen, was du dir vorgenommen hast: z.B. dem Publikum mit deiner Musik eine Freude zu bereiten.

Tipp Nr. 5

Diesen Tipp würde ich gerne vor dir erfahren. Was sind deine Erfahrungen mit Lampenfieber? Was hast du bisher probiert? Was hat geholfen? Was nicht? Nimm aktiv an der Diskussion teil, indem du deinen Beitrag in die Kommentarbox unter dem Artikel schreibst:

13 Kommentare zu “5 Ideen zum Thema Lampenfieber

  1. Ralf Dahlmann

    Jedenfalls bringt häufiges Auftreten nichts. Ich bin seit über 35 Jahren aktiver Bläser mit mehreren Auftritten im Monat und bin immernoch nervös.

    • Nach meiner Einschätzung ist das tatsächlich bei den meisten so. Ich persönlich kenne genau zwei Menschen, die behaupten alleine durch häufiges Auftreten Lampenfieberfreiheit erreicht zu haben.

      Was sich jedoch oft durch Routine verbessert ist der Umgang mit den Symptomen. Man kann sich darauf einstellen und schon vorher gegensteuern (z.B. trockener Mund – kurz vor dem Auftritt trinken usw)

  2. Lieber Daniel,
    Einen sehr schönen Blog, den Du da hast!
    Ich bin gerade per Facebook auf diesen Beitrag gekommen & dachte, ich schreibe Dir einmal.

    Häufiges Vorspielen bringt gerade dann etwas, wenn man sich immer etwas mehr vornimmt (also nur Ensemble spielen mit eins, zwei Soli drin wird die Nervosität nicht besser machen). Ich kenne viele Studenten, denen es geholfen hat erst im Ensemble, dann mal nur mit Klavier und irgendwann auch mal Solo ganz ohne eine Begleitung vorzuspielen. Dabei hilft es auch die Anforderungen zu steigern und aus dem persönlichen Umfeld jemandem vorzuspielen (die sind ja meistens am ehrlichsten zu einem).

    Ich würde dich gerne auf meinen Blog für junge Musiker und Trompeter einladen. Ich freue mich total darüber mich mit anderen Blechbläserkollegen auszutauschen!

    Mit dem Thema Lampenfieber habe ich mich übrigens auch beschäftigt und mich würde deine Meinung dazu sehr interessieren.

    Liebe Grüße,
    Mareike

    • Hallo Mareike,

      willkommen auf meinem Blog und danke für deinen Beitrag :-) Ich werde auch bei dir bei Gelegenheit vorbeischauen!

      Und du hast recht: einfach nur oft auftreten bringt meist nicht viel. Studien zufolge nehmen 25-30% professioneller Orchestermusiker dauerhaft Betablocker (=Herzmedikamente) gegen Lampenfieber ein. Ein weiteres Drittel bedient sich diverser anderer Substanzen. Das widerlegt m.E. die Annahme, dass häufiges Auftreten das Lampenfieber verringern würde – zumindest für die allermeisten und als alleinige Maßnahme.

      Deinen Vorschlag, nach und nach die Anforderungen zu steigern finde ich sehr sinnvoll. Das wäre gewissermaßen ein gezieltes Training, bei dem man allmählich den Schwierigkeitsgrad steigert. Man sollte dabei bedenken, dass es für manche subjektiv “leichter” ist, ein Solostück mit Orgel in der vollen Kirche zu spielen, als ein “Happy Birthday” bei der Familie – somit bedeutet auch die Steigerung für jeden etwas anderes!

  3. Hei Daniel,
    Lampenfieber, was ist das? – hab ich zuerst gedacht. Weil ich schon lange vor Menschen stehe, sie unterrichte, bildete ich mir ein, das mache mir nix aus, vor Leuten zu musizieren. Nix da. Klapperknie, Bregen statt Brain, die Angst der Bassfrau, ihren Einsatz nach 100 Takten Pause zu versemmeln…

    Für die Idee “Musik als Geschenk” danke ich Dir! Das ist ein genialer Impuls!

    Bei mir kommt oft durch: du hast nicht genug geübt, jetzt ist das die Rache der Musik an deiner Faulheit. Aber da ist Impuls #1 von Dir ein Schöner :-)

    Danke für den Blog!
    Viele Grüße von Renate

    • Ich habe von einer Fallstudie gelesen, bei der in einem Profiorchester die Musiker “verkabelt” waren und während eines Konzert ihr Puls aufgezeichnet wurde. Der “Gewinner” war, mit einem Puls von fast 200(!!), der Herr an der Pauke, als dieser nach ein paar hundert Takten Pause EINEN Ton zu spielen hatte. Am ruhigsten waren die Reihengeiger…

  4. Pingback: Eigentlich wollte ich regelmässig üben… ⁞ Trompete Spielen Lernen

  5. Der wiederholte Umgang mit angespannten Situationen kann diese teilweise entkrampfen. Lampenfieber beim Reden kenne ich kaum mehr, weil ich das wöchentlich praktiziere. Lampenfieber beim Musikzieren kenne ich zu gut – konnte es aber in früheren Jahren durch regelmässige Auftritte zumindest “drosseln”. Bei mir ist ein wichtiger Aspekt, dass ich es meinen Mitmusikern nicht “versauen” möchte – dieser Druck ist beim Reden natürlich nicht vorhanden. Das Beste ist, wenn man sich selber dem MUSIZIEREN hingeben kann – dass das gelingt ist die hohe Kunst. Ich bin für jeden Tipp froh.

    • Es gibt sicher oft einen Gewöhnungseffekt, durch den “wiederholten Umgang mit angespannten Situationen”. Man kennt das Terrain, weiss, was alles passieren kann und wie man darauf reagiert. Es kann aber auch, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, umgekehrt laufen, dass man mit jedem weiteren Auftritt noch nervöser wird…

      Ich finde den Punkt sehr interessant, den du ansprichst, dass nämlich Lampenfieber immer kontextbezogen ist (z.B. bei Reden nicht, beim Musizieren ja).

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  8. Reinhard

    Hallo Daniel,
    für mich ist eine intensive Vorbereitung dirket vor einem Auftritt sehr wichtig:

    Ich bin früh da und mache mich mit den Räumlichkeiten vertraut. Ich spiele mich (wenn möglich allein!) im Saal/Kirche etc. ein. Bei wichtigen Auftritten sind es schon mal zwei Stunden bei mir die ich früher da bin. Gerne rede ich auch vorher mit Leuten aus dem Publikum. Es gibt mir ein gutes Gefühl zu wissen, dass dort wohlwollende Menschen sitzen und keine Raubtiere…

    Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Der Gang vom Auftritt zur Toilette! Mit voller Blase kann ein Auftritt auch daneneben gehen…

    Auch ganz wichtig für mich: Etwas im Bauch zu haben, natürlich nicht zuviel… aber mit Hunger auftreten geht gar nicht! Etwas Zutrinken habe ich auch immer dabei, das ist fast noch wichtiger. Wenn die Zunge am Gaumen klebt funktioniert erfahrungsgemäß nichts mehr.

    Auftritte bei denen ich fünf Minuten vor Beginn abgehetzt ankommen bin gingen regelmäßig daneben! Dann habe auch ich Lampenfieber!

    Was mir auch nicht gut tut ist direktes Üben noch vor einem Auftritt. Bringt auch nichts außer mehr Nervosität. Hatten wir aber auch alles schon… man spielt ja nicht immer allein.

    Gruß Reinhard

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